"Betrug" von Zadie Smith

29. November 2025|5 Minutes

In „Betrug“ führt uns die britische Autorin Zadie Smith ins London der 1870er‑Jahre. Basierend auf dem realen Tichborne‑Skandal erzählt sie die Geschichte der schottischen Haushälterin Eliza Touchet, die den Prozess verfolgt, bei dem ein ungehobelter Metzger behauptet, der verschollene Erbe der Adelsfamilie Tichborne zu sein.

Dabei begegnet sie Andrew Bogle, einem ehemaligen Sklaven aus Jamaika, der als Hauptzeuge auftritt. Die Begegnung öffnet den Blick für die Abgründe von Wahrheit und Lüge, Klasse und Kolonialismus. Smiths erster historischer Roman verwebt literarischen Witz und gesellschaftliche Satire zu einem packenden Mosaik.

Die Essenz der Geschichte

„Betrug“ ist mehr als eine bloße Nacherzählung des berühmten Prozesses. Zadie Smith untersucht die Mechanismen, mit denen Geschichten konstruiert werden: Wie formen Erinnerung und Erzählung die Wahrheit? Der Roman verbindet die Perspektiven von Eliza Touchet – einer gebildeten Frau, die sich in einer patriarchalischen Welt behaupten muss – und Andrew Bogle, der den Schrecken der Plantagenwirtschaft überlebt hat.

In ihrer Begegnung prallen Welten aufeinander: das Londoner Bürgertum und das postkoloniale Jamaika, die Scheinwelt literarischer Salons und die bittere Realität des Sklaverei‑Erbes. Smith entfaltet daraus eine „schillernde Geschichte über Wahrheit und Fiktion, Jamaika und Großbritannien, Betrug und Authentizität“.

„Wahre Freiheit entsteht, wenn wir die Fassaden der Gesellschaft durchschauen und der Wahrheit ins Auge blicken – auch wenn sie unbequem ist.“

Kernbotschaft

Dieser Gedanke durchzieht den Roman: Die Figuren erleben Scheitern, Verlust und Trauma, doch Spiele geben ihnen Raum für Wiedergeburt und Erneuerung. Zevin nutzt Videospiele als Metapher für das Leben selbst – für die Hoffnung, nach jedem Fehlschlag von vorn anfangen zu können.

Was du in diesem Buch findest

  • Historisches Gerichtsspektakel: Der Roman basiert auf dem Tichborne‑Fall, der 1873 ganz England in Atem hielt – ein Metzger aus dem Londoner East End behauptet, der verschollene Sir Roger Tichborne zu sein, und liefert sich mit der Aristokratie einen spektakulären Rechtsstreit.
  • Starke Frauenfigur: Eliza Touchet ist scharfsinnig, belesen und zweifelt an der Genialität ihres Vetters William Ainsworth. Ihre Perspektive offenbart die Zwänge, denen Frauen im viktorianischen England ausgesetzt waren, sowie ihren eigenen Sinn für Gerechtigkeit.
  • Koloniale Kritik: Andrew Bogle wuchs als Versklavter auf einer jamaikanischen Zuckerplantage auf und erkennt, dass hinter jedem Reichtum Leid steht. Seine Erinnerungen an die Plantage und seine Rolle im Prozess beleuchten Rassismus und Klassenunterschiede.
  • Hybrid aus Ernst und Satire: Smith mischt historische Genauigkeit mit literarischem Humor und satirischem Unterton – die Presse lobte diese „Mischung aus erzählerischem Vergnügen und beißender Satire“.
  • Rätsel um Identität: Je weiter der Prozess voranschreitet, desto deutlicher wird, dass „Wahrheit“ relativ ist. Der Roman reflektiert, wie leicht Menschen bereit sind, Geschichten zu glauben, die ihnen in ihr Weltbild passen.

Für wen ist dieses Buch?

Dieser Roman ist ideal für alle, die:

  • Historische Romane mit literarischem Anspruch schätzen und sich für das viktorianische England interessieren.
  • Spannende Gerichtsdramen mögen – mit Wendungen, die die Spannung bis zum Schluss hochhalten.
  • Postkoloniale Themen und Klassenfragen lesen wollen. Das Buch zeigt eindringlich, wie eng die Schicksale von Reich und Arm, Freien und Versklavten miteinander verwoben sind.
  • Eine starke weibliche Erzählerstimme suchen: Eliza Touchet denkt über Frauenrechte, Wahrheit und Gerechtigkeit nach.
  • Literarischen Humor lieben – Smiths Sprache ist elegant, ironisch und voller versteckter Anspielungen.

Besonders lohnend ist das Buch für Leser*innen, die offen sind für Romane, die gesellschaftliche Fragen stellen und Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen.

Unser Fazit

Zadie Smiths erster historischer Roman ist ein literarisches Ereignis. Die deutsche Übersetzung von Tanja Handels (ausgezeichnet mit dem Christoph‑Martin‑Wieland‑Übersetzerpreis 2025) bringt den Witz und die Musikalität der englischen Vorlage großartig ins Deutsche. Die Presse überschlug sich mit Lob: Vogue bezeichnete den Roman als „searingly original“ und lobte seine Darstellung des postemanzipierten Großbritanniens, während der Los Angeles Times ihn als „Brilliant. A Dickensian delight“ feierte. Kritiker hoben hervor, dass Smith eine „große, reichhaltige Saga“ geschrieben habe, die Themen wie Feminismus, Sklaverei und Wahrheit vereint.

Wir waren begeistert von der Art, wie Smith historische Figuren und erfundene Elemente zusammenführt. Der Roman liest sich wie eine Mischung aus Gerichtsdrama, Gesellschaftsroman und literarischer Reflexion – mal spannend, mal humorvoll, immer klug. Unser Urteil: 5 von 5 Sternen – ein vielschichtiges Meisterwerk, das zum Nachdenken anregt und dabei bestens unterhält.

Dein Begleiter beim Entdecken bedeutungsvoller Geschichten, beim Eintauchen in literarische Stimmen und beim Erkunden der Welt durch Bücher.


© 2025 Literatur ABC. All rights reserved.

Privacy Preference Center